Nicht alle Kinder haben die gleichen Chancen auf einen Kitaplatz. Strukturelle Zugangsbarrieren führen häufig dazu, dass vor allem Kinder und Familien außen vor bleiben, für die Kindertagesbetreuungsangebote besonders wichtig wären. Das zeigen ein Blick in die Statistik, aktuelle Studien und eine Bestandsanalyse, die Bildungsmanagerin Judith Strohm (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung) durchgeführt hat. Sie interviewte dafür Verantwortliche aus der Kommunalverwaltung in Nordrhein-Westfalen und untersuchte, welche Familien unter welchen Bedingungen einen Kita-Platz erhalten und in Anspruch nehmen – und welche nicht. Bei unserer letzten “Kommune gestaltet!”-Veranstaltung gab Judith Strohm uns und den über 100 anwesenden Gästen aus Kommunalverwaltungen Einblicke in ihre zentralen Erkenntnisse.
Was uns dabei besonders beschäftigt hat: Ein zentraler Teil des Problems bleibt oft unsichtbar – weil er in der Planung vielleicht gar nicht erst auftaucht.
“Wenn kein Bedarf für einen Kitaplatz gemeldet wird, bedeutet das nicht automatisch, dass es ihn nicht gibt.”
Judith Strohm
Der blinde Fleck: nicht gemeldete Bedarfe
Kommunen planen ihre Kita-Angebote mehrheitlich auf Grundlage der gemeldeten Bedarfe. Doch was ist mit Familien, die keinen Bedarf anmelden, obwohl Sie einen haben – oder hätten, wenn Ihnen das Angebot besser bekannt wäre? Eine Befragung der Anwesenden bestätigte dieses Bild: Die große Mehrheit gibt an, dass es in ihren Kommunen “versteckte” Bedarfe gibt oder diese zumindest vermutet werden.
Die Gründe dafür, dass Bedarfe unsichtbar bleiben, sind vielfältig. Laut Judith Strohm arbeiten einerseits die Kommunen nur teilweise mit Sozialstrukturdaten, um hier eventuelle Lücken aufzudecken und gegebenenfalls auch nicht gemeldete Bedarfe zu identifizieren. Auf der anderen Seite fehlen Eltern ausreichend Informationen, Ressourcen und leicht zugängliche Anmeldewege, um ihren Bedarf zu melden.
Zwei Ausgangslagen mit unterschiedlichen Handlungsspielräumen
Wie stark diese Dynamiken wirken hängt auch davon ab, in welcher Situation sich eine Kommune befindet. Wo Kita-Plätze knapp sind, dominiert die “Mangelverwaltung”. Kitas wählen aus und bestimmen welche Kriterien (wie z.B. die Erwerbstätigkeit der Eltern) über den Zugang zur Kita entscheiden. Das führt oft dazu, dass Kinder aus benachteiligten Lebenslagen strukturell schlechtere Chancen haben.
In Kommunen mit besserer Versorgungslage, in der Kitaplätze womöglich gar unbesetzt bleiben, entsteht dagegen ein neues “Möglichkeitsfenster”. Wenn nicht jeder Platz sofort vergeben ist, verschiebt sich der Fokus: weg von reiner Nachfrageverwaltung hin zu der Frage, wie diese Plätze besetzt werden können. Das kann zu Überlegungen führen, welche Kinder bislang nicht erreicht werden und wie deren Familien angesprochen werden können.
Vom Reagieren zum Erreichen
Wer Chancengerechtigkeit ernst nimmt, fragt also nicht: Haben wir genug Kitaplätze? Sondern: Welche Kinder erreichen wir nicht – und warum? Einige Kommunen beginnen bereits, neue Antworten darauf zu finden und entwickeln Ansätze, um Familien besser zu erreichen: Beispielsweise durch die gezielte, mehrsprachige Ansprache von Eltern, durch niedrigschwellige Informationsangebote (wie Erklärvideos zum Anmeldeprozedere), Unterstützungsformate wie ein “Kita-Anmelde-Café” oder die bessere Nutzung von Sozialstrukturdaten, um Lücken zu erkennen.
Um allen Kindern Zugang zur Kita zu gewähren, ist es mit dem Ausbau an Kita-Plätzen nicht getan. Entscheidend ist, wie die Kommunen Bedarfe erfassen – und ob sie auch Familien in den Blick nehmen, die bisher nicht im System auftauchen. Der Austausch mit Judith Strohm hat uns verdeutlicht: Es braucht einen Perspektivwechsel in der Steuerung und Bedarfsplanung. Weg von reiner Orientierung an gemeldeten Bedarfen – hin zu einem aktiv geförderten Zugang für alle Kinder. Denn Chancengerechtigkeit beginnt nicht erst in der Kita. Sondern bei der Frage, wer überhaupt dort ankommt.
Zum Weiterlesen:
- Themenjournal: Kinder sind Bildungsorte aber keine Schulen – über Ungerechtigkeiten, Herausforderungen und die Potenziale frühkindlicher Bildung
- Studie: Gleiche Leistung, ungleiche Chancen – wie die soziale Herkunft Bildungsungleichheit von der Kita bis zur Uni prägt
Kommune gestaltet!-Veranstaltungsreihe
Um unser Netzwerk zu erweitern und einen neuen Raum für Austausch zu schaffen, wurde im April 2022 unsere Veranstaltungsreihe Kommune gestaltet! ins Leben gerufen. In diesem Rahmen erhalten Gestalter:innen aus der kommunalen Praxis neue Impulse, Inspiration und Praxis-Tipps. Durch das kompakte 55-minütige „Mittagspausen-Format“ bieten wir Denkanstöße und gehen miteinander in den Austausch. Die zentrale Frage lautet dabei stets: Wie können Veränderungen zu einer integrierten und kooperativen Planung in Kommunen schrittweise vorangetrieben und gestaltet werden? Einen Überblick über alle Veranstaltungen finden Sie hier. Für weitere Informationen aus unserer Initiative und unserem Netzwerk abonnieren Sie unseren Newsletter.

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