Wie Hamburg eine überörtliche Jugendhilfeplanung aufbaut
Die Freie und Hansestadt Hamburg ist mit über 1,86 Millionen Einwohner:innen die zweitgrößte Stadt Deutschlands – und zugleich ein Bundesland. Sieben Bezirke und sieben Bezirksämter, die dezentrale Verwaltungsaufgaben eigenständig bearbeiten. Die Jugendhilfeplanung findet bisher vor allem auf bezirklicher Ebene statt – nah am Sozialraum, aber oft auch nebeneinander.
In den kommenden zwei Jahren möchte Hamburg einen nächsten Schritt gehen: Eine überörtliche Jugendhilfeplanung soll entstehen, die bestehende Strukturen verbindet, Schnittstellen und Synergien sichtbar macht und einen gemeinsamen Rahmen für eine gesamtstädtische Jugendhilfeplanung schafft.
Seit Sommer 2025 arbeitet Dr. Sandra Küchler als Jugendhilfeplanerin in der Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung daran, genau das aufzubauen. Wie sie, berufserfahren in der Kinder- und Jugendhilfe und zugleich neu in der Verwaltung, diese Aufgabe angenommen und den Prozess ins Rollen gebracht hat, haben wir im Gespräch mit ihr beleuchtet. Ihre Vision ist klar: Sie will eine starke Jugendhilfe und gutes Aufwachsen in einer alternden Gesellschaft sichtbar machen und strukturell absichern, auch in Zeiten harter Aushandlungen über Ressourcen.
Warum überhaupt in die Weiterentwicklung von Planungsstrukturen investieren?
Die Frage liegt nahe und wird auch uns immer wieder gestellt: Was kommt davon eigentlich beim Kind an? Warum Zeit und Ressourcen in Planungs- und Steuerungsstrukturen investieren, statt ausschließlich in konkrete Projekte für Kinder, Jugendliche und Familien? Sandra Küchler hat eine klare Antwort: „Weil es um Verteilung geht! Es geht darum, planvoll Hilfen zu verteilen und um Entscheidungen, an welcher Stelle welche Hilfen nötig sind. Dabei sollte es nicht nur um mehr Einzelfallhilfen gehen, sondern auch darum zu schauen, wie eine gute Versorgung von offenen Angeboten stadtweit flankierend wirksam werden kann. Wie schaffen wir es, dass die Familien möglichst viel Selbstverantwortung behalten und passende Unterstützungsangebote genau dort stattfinden, wo sie auch gebraucht werden? Da braucht es vielleicht nicht 20 unterschiedliche Projekte, die parallel nebeneinander herlaufen. Es braucht flächendeckende miteinander abgestimmte Strukturen, die nachhaltig wirken – das ist mir ein großes Anliegen.“
“Es braucht flächendeckende miteinander abgestimmte Strukturen, die nachhaltig wirken – das ist mir ein großes Anliegen” – Sandra Küchler
Eine Stelle, zwei große Aufgaben
Die Stelle, die Sandra Küchler im Sommer 2025 übernommen hat, verbindet zwei zentrale Themen:
- den Aufbau einer überörtlichen Jugendhilfeplanung und
- die Weiterentwicklung der Angebotssteuerung im Bereich der Hilfen zur Erziehung nach SGB VIII (also gesetzlich verankerte Unterstützungsangebote für Familien, bei denen das Wohl des Kindes nicht ausreichend gesichert und Unterstützung für seine Entwicklung notwendig ist)
Diese Aufteilung hält Sandra Küchler auch für sinnvoll: „Auf der einen Seite beobachten wir seit Jahren einen Anstieg der Hilfen zur Erziehung als Pflichtaufgabe und auf der anderen Seite soll die Jugendhilfeplanung auch darüber hinaus auf unterschiedliche Systeme und Bereiche schauen. Doch nur, wenn wir auch im Pflichtbereich eine Umsteuerung hinbekommen, können wir über eine Gesamtplanung sprechen.”
Wie findet man einen guten Einstieg in eine solche Doppelaufgabe? Für Sandra Küchler hieß es ganz bewusst: Erst einmal verstehen. „Zunächst waren da die vielen Paragrafen in der Kinder- und Jugendhilfe, die unterschiedlichen Planungsstrukturen und Angebote im gesamten Stadtgebiet, sowie verschiedene Hierarchien und Zuständigkeiten auf behördlicher Seite. Mein Ziel war es, mich nicht zu sehr im Klein-Klein zu verlieren, sondern aus einer Vogelperspektive die Landschaft der Kinder- und Jugendhilfe in Hamburg zu erfassen.“
Ein partizipativer Start: vor Ort statt am Schreibtisch
Eins war Sandra Küchler schnell klar: Das lässt sich nicht allein am Schreibtisch lösen. Es braucht Offenheit und Partizipation. Sie wählte den direkten Weg und fing bei den Planungsstrukturen auf der Bezirksebene an. Hierfür organisierte sie sich Unterstützung von einem Kollegen aus der Wissenschaft, entwickelte einen Interviewleitfaden und ging nach draußen: „Und dann bin ich durch alle sieben Bezirke getingelt und meiner Forschungsfrage nachgegangen: Wie plant wer an welcher Stelle was?“ Sie sprach außerdem mit den einzelnen Fachbereichen innerhalb der Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung und weiteren relevante Akteuren, wie beispielsweise dem sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut in Hamburg.
„Und dann bin ich durch alle sieben Bezirke getingelt und meiner Forschungsfrage nachgegangen: Wie plant wer an welcher Stelle was?“ – Sandra Küchler
Unterschiedliche Systeme – und der Versuch, sie zu verbinden
Im Ergebnis zeigte sich eine große Bandbreite an verschiedenen und teils historisch gewachsenen Strukturen und Herangehensweisen in der Planungspraxis der Jugendhilfe. Während einige Planungsansätze eher topografisch auf das Feld der Jugendhilfe blicken, gehen andere eher zielgruppenspezifisch vor oder fokussieren bestimmte Netzwerkstrukturen wie beispielsweise die Frühen Hilfen. Parallel dazu schauen die Fachbereiche auf Landesebene wieder anders auf die Strukturen vor Ort. Mit Blick auf die Vielfalt und Ausdifferenzierung dieser verschiedenen Systeme stand für Sandra Küchler fest, es braucht hier Verbindung: „Okay, wenn die Planungssysteme so verschieden aufgestellt sind, dann muss ich vielleicht die Systeme selbst in Beziehung zueinander setzen.“
“Es gibt ein hohes Interesse daran, etwas zu bewegen. […] wir merken im Prinzip alle, dass die jetzige Situation für die Jugendhilfe unbefriedigend ist und da habe ich eine Kraft gespürt, die mich motiviert, den Weg so weiterzugehen.” – Sandra Küchler
Gesagt, getan: In zwei Workshops ging sie mit ihren Kolleg*innen aus der Fachbehörde zunächst mit Vertreter:innen der Bezirke – hierarchie- und bereichsübergreifend – den Fragen nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten sowie möglichen Ansatzpunkten einer überörtlichen Planung nach. Neben den fachlichen Fragen ging es dabei auch darum, Rollenerwartungen zu klären und Befürchtungen zu thematisieren. „Ich würde aus meiner Perspektive sagen, dass das Thema Planung und Steuerung alle beschäftigt. Es gibt ein hohes Interesse daran, etwas zu bewegen. Natürlich gibt es auch Ängste und Unsicherheiten, wenn da plötzlich ein neuer Akteur kommt und Fragen stellt. Aber wir merken im Prinzip alle, dass die jetzige Situation für die Jugendhilfe unbefriedigend ist und da habe ich eine Kraft gespürt, die mich motiviert, den Weg so weiterzugehen.“ Der Austausch zeigte aber auch: Das eine Ziel einer überörtlichen Jugendhilfeplanung ist gar nicht so einfach zu bestimmen. „Hier müssen wir noch einmal genauer hinschauen und klären, was eine überörtliche Jugendhilfeplanung als Klammer leisten kann und was auch nicht.“
Was bis hierhin in Hamburg sichtbar wird:
- Die Basis ist da: viel Erfahrung und echter Veränderungswille
In Hamburg gibt es viel sozialräumliche Expertise und ein geteiltes Verständnis davon, dass sich perspektivisch etwas verändern muss in der Kinder- und Jugendhilfe. Gleichzeitig braucht es Anerkennung des Bestehenden: es geht auch darum, das Vorhandene wertzuschätzen und Menschen nicht vor den Kopf zu stoßen. Es geht nicht darum, den Fachplanungen in der Fachbehörde und in den Bezirken etwas wegzunehmen, sondern gezielt dort anzusetzen, wo es gemeinsame Planungsthemen und Schnittstellen gibt. Die Frage muss daher lauten: Was hat sich bewährt, wo braucht es etwas anderes und wie behält man dabei den Gesamtüberblick – für ein gutes Aufwachsen aller Kinder in Hamburg?
Fest steht: Eine stark versäulte Jugendhilfe braucht eine gemeinsame Klammer. Einzelnormen und fachliche Ausdifferenzierung geben auf der einen Seite Handlungssicherheit, auf der anderen Seite kann es schnell unübersichtlich werden. Eine überörtliche Planung bietet die Chance einen Schritt zurückzutreten und über einzelne Zuständigkeiten hinaus globaler auf mögliche Lösungsansätze im Hamburger Stadtgebiet zu schauen. Wo können Kräfte gebündelt werden? - Eine überörtliche Planung ist eine Gemeinschaftsaufgabe
Als Fachreferentin im Bereich Grundsatz und Steuerung auf Landesebene hat Sandra Küchler selbst keine bezirkliche Leitungsfunktion oder ein eigenes Planungsteam. Es geht ihr beim Aufbau einer überörtlichen Jugendhilfeplanung aber auch explizit nicht um die Entwicklung von Parallelstrukturen. Vielmehr möchte sie ein gesamtstädtisches Netz spannen – vom Kind aus gedacht und sozialräumlich wirksam. Hierfür braucht es die Erfahrung und Expertise verschiedener Teilsysteme und Akteure. Ein am Schreibtisch erarbeitetes theoretisches Planungskonzept würde vermutlich unter all den anderen Handlungsempfehlungen in den Schubladen verschwinden. - Es gibt nicht den einen richtigen Weg
Es gilt verschiedene Interessen zu berücksichtigen und achtsam zwischen verschiedenen Systemlogiken und Handlungsanforderungen zu navigieren. „Ich hatte am Anfang das Ziel, die bezirklichen Planungsprozesse zu vereinheitlichen. Da haben mir die Akteure in den Bezirken gesagt, dass die Vereinheitlichung der Prozesse vielleicht gar nicht so zielführend sei. Das heißt, da habe ich auch eine Rolle rückwärts gemacht und gemerkt: wir müssen zuerst nochmal über die Ziele einer überörtlichen Jugendhilfeplanung sprechen und dann gemeinsam starten“ – so Sandra Küchler. - Es braucht Erfahrung UND Reflexionsbereitschaft
„Ich bin ein bisschen hemdsärmelig in meinem Vorgehen und kann das an vielen Stellen auch so machen, weil ich einen breiten Erfahrungsschatz aus unterschiedlichen Positionen und Bereichen der Jugendhilfe mitbringe und ja auch reden gelernt habe. Gleichzeitig stoße ich aber natürlich auch immer an Grenzen, wenn es um fachliche Details geht, in denen ich mich nicht so spezialisiert auskenne – vor allem in der Verwaltung.“
Es braucht also kleine Schritte, ein Verstehen der vorhandenen Systeme und gleichzeitig den Mut, auch mal voranzugehen und Diskussionsräume zu öffnen. Dabei helfen Reflexionsräume wie das Feedback von Leitungskräften, der Austausch mit anderen Kommunen oder die Perspektive von außen aus der Wissenschaft.
Ein Fazit nach den ersten 100 Tagen
- Ein integrierter Planungsansatz ist kein Zielbild, sondern ein wichtiger Gestaltungsansatz, wenn es um die Frage geht, wie knappe Ressourcen bedarfsgerecht eingesetzt werden können: Was braucht es an welchem Ort? Wie kann der Fokus auf die Dinge gelegt werden, die wirksam sind? Und wie kommt das möglichst allen Kindern, Jugendlichen und Familien zugute?
- Diese Fragen lassen sich nicht allein oder nur auf Basis von vermeintlich objektiven Daten klären. Antworten ergeben sich, wenn Perspektiven, Kompetenzen und Systeme so miteinander verbunden werden, dass nicht nur mehr, sondern Neues entsteht.
- Jugendhilfeplanung ist somit ein diskursiver und kommunikativer Prozess, der eine gute Moderation benötigt, ein sensibles Vorgehen bei einer Vielzahl an Zuständigkeiten und gleichzeitig ein hohes Maß an Innovationskraft und Pragmatismus, um auch Bestehendes in Frage zu stellen.
Welche Rolle Planungsfachkräfte in Kommunalverwaltungen dabei spielen und welche Kompetenzen gefragt sind, beleuchten wir in einem nächsten Magazinbeitrag. Mit Blick auf den Aufbau einer überörtlichen Jugendhilfeplanung in Hamburg gehen wir auch der Frage nach, ob sich hier Unterschiede zeigen vor dem Hintergrund der Größe und Komplexität von Planungsgebieten und Verwaltungseinheiten.
Hamburg ist eine von 8 Kommunen in unserem K360-Fellow-Programm.
Mit dem Programm unterstützen wir die Kommunen, ihre Vorhaben im Bereich der integrierten Planung und Steuerung für gelingendes Aufwachsen zielgerichtet voranzubringen und passende Antworten auf kommunale Herausforderungen in Krisenzeiten zu finden. Das Programm umfasst eine individuelle Begleitung von Kommunen, bewährte Fortbildungsangebote und interkommunale Vernetzungsformate. Regelmäßig geben wir im Magazin Einblicke in die Arbeit der Kommunen. Wenn Sie keinen Beitrag verpassen wollen, abonnieren Sie unseren Newsletter.

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