Jugendhilfeplanung ist eine gesetzlich verankerte Pflichtaufgabe. In der Praxis zeigt sich außerdem schnell: Jugendhilfeplanung ist weit mehr als ein formaler Auftrag. Sie ist ein vielschichtiger, kommunikativer und kooperativer Prozess zwischen allen beteiligten Akteuren. Doch welche Kompetenzen braucht es, um diesen gut zu gestalten? Das haben wir uns angeschaut. In der Theorie und auch ganz konkret in der Praxis – in Hamburg bei Jugendhilfeplanerin Dr. Sandra Küchler zum Beispiel.
Verantwortlich für die Jugendhilfeplanung sind kommunale Jugendämter im Zusammenspiel mit dem Jugendhilfeausschuss als politisches Gremium und den freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe. Im § 80 SGB VIII ist festgelegt, was sie leisten soll:
- einen Überblick über vor Ort bestehende Angebote und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe schaffen,
- Bedarfe ermitteln unter Berücksichtigung der Wünsche und Interessen junger Menschen und ihrer Erziehungsberechtigten,
- und die Planung geeigneter Maßnahmen.
Wer soll diese Aufgabe übernehmen? Ein Blick ins Kompetenzprofil:
In den meisten Kommunen sind es Planungsfachkräfte, die den Prozess der Jugendhilfeplanung koordinieren und in Abstimmung mit allen Beteiligten umsetzen – eine Aufgabe, die Vielfältigkeit und komplexe Verantwortung erfordert. Das spiegelt sich auch im von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter entwickelten Kompetenzprofil für Jugendhilfeplanungsfachkräfte: „[Auch] wenn Jugendhilfeplanung, wie beschrieben, eine Querschnittsaufgabe ist, der sich das gesamte Jugendamt zu stellen hat, braucht es mit zeitlichen und sachlichen Ressourcen ausgestattete Fachkräfte, denen (…) die Umsetzungsverantwortung obliegt.“ Beschrieben werden neun zentrale Kompetenzfelder von Planungsfachkräften. Sie lassen sich im Kern in drei Bereiche bündeln:
Fachliche Kompetenz:
von der Analyse bis zur Umsetzung
Die Kinder- und Jugendhilfe ist komplex – in ihren Rechtsvorschriften, der Angebotslandschaft und den beteiligten Akteuren und Systemen. Das heißt, es braucht ein grundsätzliches Verständnis für die Struktur und Arbeitsweise innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe. Eine gute Fachlichkeit ist darüber hinaus insbesondere bei der Erfassung und Darstellung von Bedarfen erforderlich. Es braucht Wissen und Fähigkeiten zur Datenerhebung und ‑analyse, zur Berichtslegung und zur Beteiligung von Fachkräften sowie von Kindern, Jugendlichen und Familien selbst.
Methodische Kompetenz:
Prozesse initiieren und gestalten
Jugendhilfeplanung ist weitaus mehr als ein in sich abgeschlossener technokratischer Planungsprozess. Es geht darum, verschiedene Perspektiven und Interessenlagen, fachliche Konzepte und politische Schwerpunkte miteinander in Verbindung zu bringen, um gute Rahmenbedingungen für ein gelingendes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Dafür braucht es Handwerkszeug: für die Planung sich überlagernder Prozessschritte, die Koordination verschiedener Gremien und für die Moderation von großen Gruppen mit verschiedenen Perspektiven und Akteuren.
Soziale & kommunikative Kompetenz:
im Mehrebenen-System agieren
Jugendhilfeplanung ist ein kommunikativer Prozess. Kommunikation verbindet, schafft Räume für Austausch und Diskurs und kann zugleich Rahmung und Sicherheit bieten. Es braucht daher die Fähigkeit, Bedingungen klar zu formulieren, gleichzeitig offen für Perspektiven und Systemlogiken zu sein und diese letztlich zu bündeln. Das erfordert ein hohes Maß an Verhandlungsgeschick, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.
So weit die Theorie.
Praxis-Check: Überörtliche Jugendhilfeplanung in Hamburg
In der Praxis können sich die Anforderungen verschieben. Flexibilität ist gefragt – ebenso wie ein guter Blick auf die spezifische Situation vor Ort, beispielsweise im Stadtstaat Hamburg. Auch dort ist die Jugendhilfeplanung eine kommunale Aufgabe und liegt damit in der Verantwortung der Bezirke. Gleichzeitig baut Hamburg derzeit eine überörtliche Jugendhilfeplanung auf – als verbindendes Element zwischen den einzelnen bezirklichen Strukturen. Betraut wurde mit dieser Aufgabe Sandra Küchler – neu in der Verwaltung, aber erfahren in verschiedenen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe.
Fundiertes Systemwissen, ein strukturiertes Vorgehen und eine gute Kommunikation mit Offenheit für verschiedene Perspektiven braucht auch sie. Die Schwerpunkte sind allerdings individuell: Weniger im Fokus stehen beispielsweise einzelne Fachmethoden oder die Beteiligung direkter Zielgruppen. Dafür braucht es vor allem mehr Kommunikation und Koordination zwischen den verschiedenen Systemen und Perspektiven.
Was Sandra Küchler bei all diesen Anforderungen antreibt, ist vor allem der Wille, etwas zu bewegen:
„Ich bin unzufrieden mit dem überlasteten und kleinteiligen System der Jugendhilfe. Ich möchte, dass möglichst viele Menschen weiterhin gut erreicht werden und es ein breites soziales Sicherungssystem gibt – nicht nur für die mehrfach belasteten Kinder und Familien. Sondern dass alle Kinder insgesamt gut aufwachsen. Das wünsche ich mir wirklich. Und das ist eine sehr hohe Motivation und Neugier: Kann ich da etwas bewegen?“
Darüber hinaus bringt Sandra Küchler einiges für den Job mit: langjährige Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen der Jugendhilfe, eine wissenschaftliche Perspektive, Moderationskompetenz auch in großen Gruppen und keine Ehrfurcht vor bestehenden Hierarchien.
Im Gespräch mit ihr haben wir aber auch erfahren, an welchen Stellen sie an ihre Grenzen gerät: Die Vielzahl an Hilfearten, Akteuren und Interessen ist anspruchsvoll – und erfordert Geduld und einen langen Atem. Insbesondere als Quereinsteigerin in der Verwaltung braucht es Unterstützung beim Ankommen und Orientieren, um die Außenperspektive konstruktiv nutzen zu können, statt gegen geschlossene Türen zu laufen. Ein konkretes Lernfeld ist für Sandra Küchler der Umgang mit Daten. Sie bestätigt: Gute Planung braucht belastbare Zahlen – und die Fähigkeit, diese sinnvoll aufzubereiten.

Integriert planen. Besser steuern.
Sie möchten integrierte Planung und Steuerung in Ihrer Kommune weiterentwickeln und vorantreiben? Der Change-Guide unterstützt Sie mit praxisnahen Methoden.
Allrounder:in gesucht, klare Schwerpunkte geboten
Klar ist: Die Jugendhilfeplanung ist ein komplexer Prozess, der entsprechende Kompetenzen voraussetzt und klare Rahmenbedingungen braucht. Aber klar ist auch: Sie ist eine vielseitige Aufgabe mit vielen Gestaltungsspielräumen für Planungsfachkräfte.
Es gibt sie, die Allrounder-Persönlichkeiten, die mit Know-How und viel Kompetenz Jugendhilfeplanung weiterentwickeln – ob als Quereinsteiger:in wie Sandra Küchler oder mit viel Verwaltungserfahrung in der Berufsbiografie. Aber niemand deckt alle Kompetenzen gleichermaßen ab. Daher braucht es Klarheit darüber, wo Schwerpunkte liegen sollen, wo (zunächst) nicht und welche Entwicklungsmöglichkeiten es gibt.
Hilfreich sind dafür Qualifizierungsangebote und Zeit und Raum für Austausch und Reflexion. Die Landesjugendämter können dabei ein wichtiger Baustein sein. Sie bieten in einigen Bundesländern Qualifizierungen für Jugendhilfeplaner:innen und Austauschmöglichkeiten mit anderen Fachkräften aus dem jeweiligen Bundesland an. Und auch der Blick über das eigene Bundesland hinaus lohnt sich, um spannende Ansätze und gute Praxis zu finden.

Über Dr. Sandra Küchler
Dr. Sandra Küchler ist überörtliche Jugendhilfeplanerin und verantwortlich für die Planung sowie die Steuerung der Hilfen zur Erziehung in der Behörde für Schule, Familie und Berufsbildung der Hansestadt Hamburg. Zuvor war sie unter anderem in der Familiären Krisenhilfe, Gemeinwesenarbeit, wissenschaftlichen Forschung und als Jugendhilfereferentin beim alternativen Wohlfahrtsverband SOAL tätig. In ihrer Promotion beschäftigte sie sich mit partizipativen Praktiken in der Sozialen Arbeit.
Hamburg ist eine von 8 Kommunen in unserem K360-Fellow-Programm.
Mit dem Programm unterstützen wir die Kommunen, ihre Vorhaben im Bereich der integrierten Planung und Steuerung für gelingendes Aufwachsen zielgerichtet voranzubringen und passende Antworten auf kommunale Herausforderungen in Krisenzeiten zu finden. Das Programm umfasst eine individuelle Begleitung von Kommunen, bewährte Fortbildungsangebote und interkommunale Vernetzungsformate. Regelmäßig geben wir im Magazin Einblicke in die Arbeit der Kommunen. Wenn Sie keinen Beitrag verpassen wollen, abonnieren Sie unseren Newsletter.


Gutes Aufwachsen im Stadtstaat Hamburg


