Geburtenrückgänge, angespannte Haushaltslagen und ein perspektivisch zu großes Kitanetz werden viele Kommunen in den kommenden Jahren vor schwierige Entscheidungen stellen; so auch Halle an der Saale. Kita-Planerin Beate Erfurth und Sebastian Meißner, Leiter der Integrierten Sozialplanung, haben deshalb vorausschauend einen innovativen Prozess in der Stadtverwaltung angestoßen, um dem zu begegnen. Ihr Ziel ist es, nicht nur Überkapazitäten von Kita-Plätzen sinnvoll abzubauen, sondern eine zukunftsfeste Kita-Infrastruktur aufzubauen, die wirtschaftlich tragfähig bleibt und zugleich pädagogische Qualität, Trägervielfalt und Chancengerechtigkeit in der Kitalandschaft sichert. Herausgekommen ist ein indikatorengestütztes Verfahren, das die langfristige Sicherung des Fortbestands von Kindertagesstätten analysiert und bewertet: der Kita-Index.
Was können andere Kommunen von Halle (Saale) und dem Kita-Index lernen?
Die Entwicklung des Kita-Index in Halle (Saale) zeigt, wie Kommunen unter schwierigen finanziellen und demografischen Bedingungen handlungsfähig bleiben können: durch transparente Bewertungskriterien, langfristige Planung und breite Beteiligung verschiedener Akteursgruppen. Der Kita-Index in Halle (Saale) ist nicht nur ein Instrument der Kapazitätssteuerung, sondern ein Beispiel dafür, wie integrierte Sozialplanung konkret umgesetzt werden kann. Die aufgezeigte Transparenz verleiht der Verwaltung nicht nur Glaubwürdigkeit in dem Prozess, sondern schafft auch Vertrauen darin, dass die Stadt maßvoll und mit Weitsicht vorgeht. Wir haben uns angeschaut, wie genau das in Halle (Saale) funktioniert.
Die Herausforderung: Wie trifft man Entscheidungen zu einem hochsensiblen Thema?
Das Thema Kindertagesbetreuung ist kommunalpolitisch sensibel. Entscheidungen über Kitaplätze betreffen nahezu alle Familien mit Kindern zwischen null und sechs Jahren. Gleichzeitig sind Einrichtungen häufig wichtige soziale Ankerpunkte im Sozialraum. Vor diesem Hintergrund stand die Stadt vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits waren belastbare Kriterien nötig, um Überkapazitäten nachvollziehbar zu bewerten. Andererseits galt es, Vertrauen bei freien Trägern, Elternvertretungen, Politik sowie auch innerhalb der Verwaltung aufzubauen. Somit war klar: Es sollte kein kurzfristiges Sparinstrument entstehen, sondern ein transparentes Verfahren, das fachlich begründet und für alle Beteiligten nachvollziehbar ist. Der Kita-Index schafft das, in dem er langfristige Planung, Transparenz und sozialräumliche Verantwortung miteinander verbindet.
Breite Beteiligung schafft Akzeptanz für den Kita-Index
Die Kitabedarfsplanung 2025 bis 2027 und die damit verbundene Entwicklung messbarer Bewertungskriterien erfolgte in einem umfassenden partizipativen Prozess: In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Bildung wurden neben verwaltungsinternen Abstimmungs- und Entwicklungsrunden auch der kommunale Eigenbetrieb Kita sowie die Freien Träger beteiligt. Dafür waren mehr als zehn Beteiligungsrunden nötig. Zusätzlich informierte die Stadt auch die Stadtelternvertretung über den Stand der Bedarfs- und Entwicklungsplanung und bezog ebenfalls Hinweise zu den aus ihrer Perspektive zentralen Bewertungskriterien mit ein. Daran anknüpfend erhielt der Unterausschuss Jugendhilfeplanung sowie der Betriebsausschuss des Eigenbetriebs Kindertagesstätten alle Informationen über den aktuellen Verfahrensstand (Quelle: JUGENDHILFEPLANUNG DER STADT HALLE (SAALE) gemäß § 80 SGB VIII, S. 35 ff., Stand: 18.09.2025).

Das Ergebnis der Beteiligungsformate: Die Akteursgruppen benannten zahlreiche potenzielle Bewertungskriterien, die sich anschließend drei übergeordneten Kategorien zuordnen lassen. Die genannten Bewertungskriterien wurden auf Anwendbarkeit geprüft und anschließend als relevante Kennzahlen in den Kita-Index aufgenommen. Rückblickend erwies sich dieser breite Austausch als wesentlicher Erfolgsfaktor für die Akzeptanz des Kita-Indexes.


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Ein mehrstufiges Steuerungsinstrument: Wie funktioniert der Kita-Index?
Um neben quantitativ abbildbaren Kriterien zur Ermittlung von Überkapazitäten auch qualitative Kriterien zu berücksichtigen, geht die Integrierte Sozialplanung in drei Prozessschritten vor.

- Quantitative Analyse: Wie ist der aktuelle Versorgungsgrad?
Zuerst untersucht die Kita-Planung, wie gut die einzelnen Stadtteile mit Kitaplätzen versorgt sind und ob es möglicherweise Überkapazitäten gibt. Grundlage hierfür ist der sogenannte Versorgungsgrad, also das Verhältnis zwischen verfügbaren Kita-Plätzen und der Anzahl der gemeldeten Kinder. Als Zielwert hat die Stadt Halle (Saale) einen Versorgungsgrad von 105 % festgelegt, um sowohl den regulären Bedarf als auch zusätzliche kurzfristige Bedarfe abdecken zu können. - Vergleiche: Welche Einrichtungen sind bestandsgefährdeter als andere?
In einem zweiten Schritt wird untersucht, welche Kitas in den überversorgten Stadtteilen langfristig gefährdet sein könnten. Dafür werden die Einrichtungen anhand der betreuungsbezogenen und wirtschaftlichen Kriterien bewertet. Aus den Ergebnissen wird der „Indexwert der Bestandsfähigkeit“ (IBK-Wert) gebildet. Er ermöglicht es, die Einrichtungen miteinander zu vergleichen. Je höher der IBK-Wert, desto größer ist die Bestandsgefährdung der jeweiligen Kita. - Qualitative Bewertung: Welche Zukunftsaussichten haben die Einrichtungen?
Anschließend erfolgt ein vertiefender Blick auf die bestandgefährdeten Einrichtungen. Dabei werden ihre soziale und pädagogische Bedeutung im Stadtteil, ihre Vernetzung sowie wirtschaftliche Aspekte wie Sanierungsbedarf oder alternative Nutzungsmöglichkeiten betrachtet. Grundlage dafür sind Gespräche mit den Trägern und weiteren Akteuren im Sozialraum. Ziel ist es, gemeinsam Zukunftsperspektiven und mögliche Maßnahmen wie Kapazitätsanpassungen, Kooperationen oder gegebenenfalls Standortschließungen zu entwickeln. Gerade dieser qualitative Zugang unterscheidet den halleschen Ansatz von rein statistischen Abbauplanungen. Die Stadtverwaltung betont ausdrücklich, dass nicht allein die Wirtschaftlichkeit über die Zukunft einer Einrichtung entscheiden soll.
Das Ergebnis aus diesen drei Prozessschritten: Die Kitaplanerin und ihre Kolleg:innen der integrierten Sozialplanung und des Fachbereichs Bildung erarbeiten nachvollziehbare Handlungsempfehlungen und konkrete Entscheidungsvorschläge, um Überkapazitäten zu reduzieren. Sie dienen als Grundlage, um die hallesche Kitalandschaft im Rahmen der Bedarfs- und Entwicklungsplanung mittel- und langfristig anzupassen und zukunftsfähig mit den beteiligten Akteur:innen zu gestalten.
Langfristige Planung statt kurzfristiger Schließungen
Obwohl der Kita-Index bereits Ende 2025 vom Stadtrat beschlossen wurde, gilt er erst ab 2028, sodass Einrichtungen bis Ende 2027 weiterhin regulär gefördert werden. Ziel ist es, Trägern, Beschäftigten und Eltern frühzeitig Planungssicherheit zu geben. Zunächst sollen freie Kapazitäten genutzt werden, um die pädagogische Qualität zu verbessern und zusätzliche Flächenbedarfe abzudecken. Die Stadtverwaltung betont: Schließungen gelten ausdrücklich nicht als vorrangiges Ziel des Kita-Indexes. Stattdessen sollen Kitas und ihre Räume möglichst erhalten bleiben, z.B. um sie flexibel weiter nutzen zu können, etwa für andere Angebote der Jugendhilfe. Hintergrund sind Erfahrungen aus früheren Jahren, in denen die Nachfrage nach Kitaplätzen nach dem Abbau von Kapazitäten kurzfristig wieder stark anstieg. Das Ziel lautet stattdessen: Kitastrukturen sollen nachvollziehbar und sozialverträglich angepasst werden.
Halle (Saale) ist eine von 8 Kommunen in unserem K360-Fellow-Programm.
Mit dem Programm unterstützen wir die Kommunen, ihre Vorhaben im Bereich der integrierten Planung und Steuerung für gelingendes Aufwachsen zielgerichtet voranzubringen und passende Antworten auf kommunale Herausforderungen in Krisenzeiten zu finden. Das Programm umfasst eine individuelle Begleitung von Kommunen, bewährte Fortbildungsangebote und interkommunale Vernetzungsformate. Regelmäßig geben wir im Magazin Einblicke in die Arbeit der Kommunen. Wenn Sie keinen Beitrag verpassen wollen, abonnieren Sie unseren Newsletter.

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